Denke ich an einen Garten, dann denke ich an das, was man oberhalb des Erdbodens sehen kann. Die Stängel und Blüten, die Früchte, Rinde, Äste und Holz. Typisch Mensch, sieht nur das, was er essen kann – oder verbrennen. Allerdings ist ein Garten zu allererstmal etwas anderes – nämlich Standort und Boden. Den Standort kann man nur bedingt ändern, aber den Boden. Alles, was man über der Erde sieht, ist ein Ausdruck von dem was im Boden möglich ist. Unser Mais im Garten wurde in den ersten Jahren kein drei-Meter-Riese sondern nur etwa tischhoch, weil der Boden zu arm war. Nicht zu arm, sonder zu still. Reichliche Gaben von Pferdemist und Kompost haben aus dieser Stille hoffentlich ein Gemurmel und Geplader der Bodenorganismen gemacht. Pilze, Bakterien, Gliedertiere und Würmer zerlegen jetzt hoffentlich fröhlich plaudernd die Biomasse und machen daraus Pflanzenfutter für diese Saison. Erst wenn im Boden richtig was los ist, ist auch oberhalb des Bodens was los. Das, was man oben sieht, zeigt, wie es um den Boden bestellt ist.

Unser Garten hat ein paar Jahre brach gelegen, weil die vorherigen Besitzer es im hohen Alter nicht mehr schafften, ihn zu pflegen. Die Goldrute hatte sich den Garten genommen und wollte ihn nie wieder her geben. Goldruten hinterlassen nur dürre Stängel im Herbst, die irgendwann umkippen und zerfallen. Goldruten unterdrücken auch zuverlässig alle anderen Pflanzen und damit den Eintrag von Biomasse. Wenig Eintrag von Biomasse heißt auch wenig Bodenleben und damit karge Böden. Gut für die Goldrute, schlecht für den Mais.

Um den Boden zu aktivieren habe ich effiziente Mikroorganismen ausgebracht. Das klingt nach Schutzanzug und Labordrohnen, ist aber am Ende nur der Rest von einem Sauerteig, mit viel Wasser und Zucker zu einer Nährsuppe vergoren in einer Gießkanne. Das regt das Bodenleben an. Damit die Regenschauer im Winter den Boden nicht weiter zusammenschlämmen, liegt reichlich Schnittgut auf den Beeten. Nach einem Jahr kann man den Unterschied direkt fühlen. Der Boden ist nicht mehr hart, trocken und schwer zu bewegen, sondern dunkel, krümelig, voller Regenwurmhaufen und riecht nach Wald und Wasserfall. Es gab sogar mal Zeiten, wo man Regenwürmer als Bodenschädlinge bekämpft hat. Aus heutiger Sicht absolut undenkbar, manche Gärtner sind regelrecht verliebt in ihre Würmer. Niemand geringeres als Charles Darwin hat sie rehabilitiert. Er widmete ihnen ein ganzes Buch und hat mit einer fast schon gruseligen Akribie die Höhe der Häufchen gemessen. Heute schauen Landwirte eher mit Sorge auf die Zahl ihrer Würmer, aus Angst um ihre Böden. Starkregen wird besser vom Boden aufgenommen, wenn viele Würmer drin sind. Der Mais macht einmal das Konto voll, der Wurm ein ganzes Leben lang.

In guten und lebendigen Boden können Maiswurzeln einfach hineingleiten wie in einen Samthandschuh und jede Menge stürmische Affären mit Pilzen eingehen. Die Pilze koppeln sich an die Maiswurzeln, und verschaffen dem Mais mehr Tempo unter der Erde. Wie Golomb im Herr der Ringe, der immer voraus eilt und den Weg erkundet, fädelt sich das Pilzmyzel blitzschnell durch die Erdkrümel und sucht Feuchte, Stickstoff, Phosphor und Mineralien. Die Wurzeln vom Mais wachsen nur schwerfällig und viel langsamer hinterher, aber das macht nichts. Die Myzel schickt einfach die Nährstoffe zur Maiswurzel und bekommt dafür Zucker und Kohlehydrate vom Mais zurück. Der Pilz im Boden braucht möglichst viel organisches Material, egal in welcher Form. Ohne Bodenleben kein Pilzmyzel, ohne Pilz kein Mais.

Denke ich an einen Garten, geht es also um den Boden. Gärtnern heißt also Bodenpflege. Eigentlich sind wir Pfleger der Pilze und Würmer und hoffen darauf, dass als Kollateralnutzen Gurken, Kürbisse und Kartoffeln entstehen können. Also immer schön auf dem Boden bleiben.